Der neue Verein

Die Statuten des neuen Vereins entsprachen den von Adolph Kolping propagierten Zielen, vor allem die geistige und religiöse Bildung der Gesellen mit dem Ziel tüchtige Handwerksmeister hervorzubringen. Im ersten Statut des Vereins wird der „Zweck des Vereins" wie folgt benannt: „ Fortbildung und Unterhaltung der Gesellen zu Velen zur Anregung und Pflege eines kräftigen religiösen und bürgerlichen Sinnes und Lebens, um dadurch einen tüchtigen, ehrenwerten Meisterstand heranzuhilden." Dazu sollten laut Satzung „ Oeffentliche Vorträge, Unterricht, Gesang, Lesen passender Schriften, gegenseitige Besprechung, Unterhaltung, gemeinsame Erheiterung und gegenseitige Hülfe" genutzt werden. „ Politik und religiöse Polemik sind aus dem Verein grundsätzlich ausgeschlossen", heißt es weiter. Anhand dieser Zielformulierung wird die Motivation der Gesellen deutlich. Sie suchten eine Organisationsform, die von den kirchlichen Autoritäten anerkannt und unterstützt wurde, in der sie Solidarität unter Ihresgleichen leben und einfordern konnten, in der Bildung möglich war, in der aber auch Geselligkeit und Unterhaltung ihren Platz hatten. Das war um 1900 in den Landgemeinden keine Selbstverständlichkeit, wurde nicht selten sogar sehr misstrauisch beäugt.

Der neue Verein hatte vielleicht deshalb nicht nur einen Vorstand, dem als Präses Vikar Drolshagen und als Senior Bernhard Nienhaus vorstanden, sondern auch noch einen Schutzvorstand. Diesem gehörten Pastor Friedrich Rose, Amtmann Florenz Roters, Domänenrat Engelbert König, Rentmeister Paul Niesen und Bäckermeister Kaspar Biergans an. _Die Namen des Schutzvorstandes beweisen, welch gute Aufnahme und Unterstützung der junge Verein in der Bürgerschaft von Velen gefunden hatte", schreibt Rektor Wenn. Tatsächlich wird man bemüht gewesen sein, einer Fehlentwicklung des Vereins vorzubeugen, denn der Schutzvorstand beschnitt rein formal die Eigenständigkeit und Selbstverwaltung des Gesellenvereins. Ob in der Praxis der Schutzvorstand jemals gegen den Vorstand in die Geschicke des Vereins eingegriffen hat, ist nicht bekannt.

Holzschuhmacher Joseph Holstegge ...

gehörte zu den

Gründungsmitgliedern. Hier ein Bild aus seiner Werkstatt (um 1920).

Für August Wenns Einschätzung, dass der Verein von Anfang an das Wohlwollen der Bürger gefunden hatte, spricht, dass 54 Handwerker (vermutlich sämtlich Meister) dem Verein als Ehrenmitglieder beitraten. Dem Vorstand gehörten neben Präses und Senior noch Kaplan Caspar Pannick als Vizepräses, Hermann Heselhaus (Schreiner) als Schriftführer sowie die Gesellen Hermann Sundrum (Schreiner), Bernhard Borghorst (Schuhmacher), Joseph Holstegge (Holzschuhmacher) und Anton Lohbereier (Schreiner) als sogenannte Ordner an.

Festumzug des Vereins ...

anlässlich des

zehnjährigen Bestehens 1914.

Das Wohlwollen der katholischen Kirche sicherte man sich nicht nur durch Einbindung der örtlichen Geistlichen in das Präsesamt, das übrigens mit zahlreichen Rechten ausgestattet war, sondern auch durch die in den Statuten vorgeschriebene Teilnahme an Messfeiern. In §23 des Vereinstatuts heißt es: „Der Verein veranstaltet 5mal im Jahre eine gemeinschaftliche hl. Kommunion und zwar
1. am Feste 'Heilige drei Könige'
2. am Schutzfeste des hl. Joseph (Patrons- fest)
3. am 2. Sonntag nach Ostern (Stiftungsfest)
4. am ersten Tage des 40stündigen Gebetes
5. am Rosenkranzfeste
zur Teilnahme an den gemeinschaftlichen hl. Kommunionen sind die aktiven Mitglieder verpflichtet
".

Dass es auch eine „kleine Opposition" in Velen gegeben habe, berichtet der Heimatdichter Franz Burhoff anlässlich eines plattdeutschen Vortrages, den er in den 50er Jahren bei einem Unterhaltungsabend der Velener Heimatfreunde gehalten hat. Er schildert hier in humoriger Art, wie er als kleiner Junge dem Gespräch seines Vaters und dessen Kameraden aus dem Kriegerverein beim Kartenspiel gelauscht habe. Die Veteranen reklamierten demnach das Durchführen von Umzügen für sich und kritisierten den Festumzug anlässlich des Stiftungsfestes des Gesellenvereins. Die Gesellen selbst bezeichneten sie als Komödianten, eine Anspielung nicht nur auf das Theaterspiel, sondern auch auf die reisenden „Komjantenwagen", die unregelmässig im Dorf Station machten.

1908 stellten sich diese ...

Mitglieder zum Gruppenbild mit Fahne

Dem Erfolg des Vereins tat das keinen Ab7.ruch. Bereits zum Stiftungsfest 1905 war die Mitgliedszahl auf 50 geklettert. Am 22. Juni 1905 erfolgte die Aufnahme des Vereins in den allgemeinen Verband der katholtschen Gesellenvereine mit Sitz in Köln. Zu den Aktivitäten des Vereins gehörten die in den Statuten verankerten Bildungsabende, dazu Religionsvorträge mit anschließender Diskussion, aber auch - wie oben gesehen - das Theaterspiel. Jeden Sonntagabend trafen sich die Gesellen von 20 bis 22 Uhr im Vereinslokal. Die Teilnahme war Pflicht. Nlehrmaliges unentschuldigtes Fehlen konnte zum Ausschluss führen.

Die ersten Kurse zur Vorbereitung auf die Meisterprüfung stieß 1909 Vikar Pannick an, der Vikar Drolshagen bereits im zweiten Vereinsjahr als Präses abgelöst hatte. Der theoretische Unterricht erfolgte durch den Syndikus der Handwerkskammer Dr. Schellen und den ortsansässigen Hauptlehrer Heinrich Notz. Zwölf Gesellen nahmen am Unterricht teil, sechs legten danach erfolgreich die Meisterprüfung ab. Weitere Kurse folgten.

Gruppenbild zum ...

zehnjährigen Jubiläum 1914

Der Verein hielt seine Mitgliedszahl in den Anfangsjahren kontinuierlich zwischen 30 und 50 Gesellen. Aber nicht zuletzt gefördert durch die eigene Bildungsarbeit, schieden viele Gesellen mit der Erlangung des Meistergrades oder durch Heirat aus. Sie wurden in aller Regel Ehrenmitglieder, so dass diese Zahl bereits in den ersten zehn Vereinsjahren auf rund 200 stieg. Zudem gab es im Verein eine ständige Fluktuation, durch Gesellen. die auf Wanderschaft gingen beziehungsweise einen Teil ihrer Wanderzeit in Velen verbrachten.

Der wachsenden Größe des Vereins trug auch der Wirt des zweiten Vereinslokals BeckerRibbekamp, Hermann Ribbekamp, Rechnung. Er schuf laut Chronist Wenn hinter seinem Gasthaus in der Hauptstraße für die Gesellen einen Saal, in dem unter anderem die Theateraufführungen stattfinden konnten. Auch das kann man als Zeichen dafür werten, dass die Kolpingsöhne im Ort anerkannt waren und von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen wurden. In jedem Fall aber waren ihre Veranstaltungen so gut besucht, dass auch der Wirt davon profitierte. Natürlich nutzten aber auch andere Vereine, durchziehende Theatergruppen etc. den Saal.

Theatergruppe ...

von 1910

Erwähnenswert ist das finanzielle Engagement der Gesellen und Ehrenmitglieder für den Verein. Bereits im ersten Jahr verfügten sie über eine Vereinsfahne. Sie wurde zum ersten Stiftungsfest im März 1905 geweiht. Anlässlich des Festes gab es einen Umzug, zu dem mehrere benachbarte Brudervereine eingeladen waren. An diesem Tag wurde auch die Aufnahme des Vereins in den Allgemeinen Verband der Gesellenvereine gefeiert. Ein entsprechendes, in Köln ausgestelltes „Diplom" ist noch heute im Vereinsbesitz. Ebenfalls in ersten Jahren wurde ein sogenannter "Lichtbildapparat" für die eigenen Bildungsmaßnahmen angeschafft. Auch dieser wird nicht unerhebliche Kosten verursacht haben. Laut Statut gab es auch eine Vereinsbibliothek, deren Benutzung allen Gesellen frei stand. Auch diese mußte finanziert werden. Ein Großteil seiner finanziellen Mittel erwirtschaftete der Verein sicherlich mit dem Theaterspiel. Dieses war sogar in der Satzung als regelmäßige „Festlichkeit" vorgeschrieben. Zu den regelmäßigen Veranstaltungen gehörten aber auch sogenannte „Familienabende" zu Karneval sowie „Christbaumfeiern", bei denen eine Verlosung stattfand.

Das Theaterspiel war sogar ...

als wichtige Aktivität

in der Satzung verankert. Vor allem diente es aber der Finanzierung des Vereins.

Das Stiftungsfest zum zehnjährigen Jubiläum im Jahre 1914 wurde mit einem großen Handwerkerumzug gefeiert. Es war eine der letzten unbeschwerten Feiern. Der Ausbruch des ersten Weltkrieges im August des gleichen Jahres beeinträchtigte das Vereinsleben in den Folgejahren nicht unerheblich. Viele Mitglieder wurden einberufen, zehn Gesellen und zehn Ehrenmitglieder fielen dem Krieg zum Opfer. Das Vereinsleben ruhte ab 1915, doch nach Kriegsende wurde es unverzüglich wieder aufgenommen. Dabei mag geholfen haben, dass der Vorstand auch während der Kriegsjahre rein formal weiterbestand. 30 Gesellen zählte man beim Stiftungsfest im Mai 1919. Die bewährten Aktivitäten wurden fortgeführt. Für 1924 bis 1929 findet man in den Akten des Velener Gemeindearchivs regelmässig Anträge auf Ausweitung der Polizeistunde. weil entweder Theaterabende oder Familienabende (darunter am 20.2.1928 ein so genanntes Kappenfest) stattfinden sollten.

Hinzu kam eine Turngruppe, die sich der Deutschen Jugendkraft Velen (DJK) anschloss und von Lehrer Paul Hatscher geleitet wurde.

Der Verein wuchs in den Folgejahren stetig an. Zum 25-jährigen Jubiläum 1929 zählte man rund 60 aktive Mitglieder sowie über 200 Ehrenmitglieder. Das Jubiläum wurde mit einer religiösen Vortragswoche, einem dreitägigen Festprogramm sowie einer großen „Volksbelustigung" gefeiert. Im Handwerkerumzug marschierten neben den Mitgliedern der in Velen vertretenen Zünften auch etliche Gesellen befreundeter Vereine aus den Nachbarorten mit. Zu diesem Jubiläum erschien auch eine Festschrift, die wertvollste Quelle für die Darstellung dieser Chronik.=

Festumzug zum 25-jährigen ...

Jubiläum 1929.

Das Bild zeigt die Ehrenmitglieder des Vereins.

Im Zug marschierten ...

auch die Vertreter der Velener Zünfte mit.

Das Bild zeigt die Vertreter der Bäckerinnung.

Auf dem Bild ist ...

der von zwei Kaltblütern

gezogene Festwagen der Molkerei Wiegert vor dem Firmengebäude zu sehen.

Zahlreiche Gastvereine ...

marschierten im Festumzug von 1929 mit.

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